Dienstag, 17. November 2009

Servicio Social im "Matraca"




Seit ca. 3 Wochen mache ich einen Servicio Social im Matraca (Movimiento de Apoyo a niños TRAbajadores y de la CAlle), eine Einrichtung für Kinder die auf der Straße leben oder arbeiten. Das Matraca ist eine Bürgerinitiative und lebt von Spenden und Sponsoren.
Ein- bis zweimal die Woche gehe ich hin und betreue Héctor (11) und Jamilet (12) (Bruder und Schwester). Allerdings kommen die beiden mir viel kleiner vor, ich hätte sie auf 8 und 10 geschätzt und sie SIND auch noch total klein. Sie haben 5 Geschwister und wohnen auf wenigen Quadratmetern in einem der schwachen Barrios. Im Spätnachmittag gehen die beiden direkt nach der Schule ins Matraca und dann können sie sich zwei Stunden lang austoben. Meistens spielen wir Fußball oder Basketball. Manchmal muss noch eine Hausaufgabe erledigt werden und dann bekommen die beiden ein "Abendessen", das aus aufgelöster Pulvermilch und Keksen besteht. Es geht nur darum, dass sie überhaupt irgendetwas essen bevor sie arbeiten gehen, denn das ist meistens ihre einzige Mahlzeit am Tag. Ja, arbeiten. Damit kann ich noch nicht so gut umgehen. Sie gehen direkt vom Matraca aus in die Innenstadt und arbeiten dann da, jeden Abend, von 20-23 Uhr. Jami packt in einer Apotheke Sachen ein und aus und Héctor geht in irgendwelche Bars, stellt sich da an die Tische und jongliert mit drei Bällen. Am Freitag hat Andrea (der Italiener) seinen Geburtstag gefeiert und wir saßen alle draußen an so einer Bar und auf einmal steht Héctor am Tisch und jongliert und neben ihm stand noch ein jüngeres Mädchen die Rosen verkauft. Als er mich erkannt hat ist er angekommen und wir haben ganz normal geredet. Aber trotzdem, das sind so Momente in denen man denkt "MANN, wie gut hast Dus eigentlich?" Die beiden fragen auch oft nach, was irgendetwas gekostet hat. Z.b. Ohrringe oder Piercing. Und dann fühlt man sich wie so ne Luxustussi, die ihr Geld für unnötigen Kram zum Fenster rauswirft. Oder "Wie fühlt es sich an im Flugzeug zu fliegen?" und - wer weiß - aber realistisch gesehen werden die beiden wahrscheinlich nie mit einem Flugzeug fliegen. Aber man kann ja trotzdem eine Hoffnung haben und deshalb üben wir immer mal zwischendurch Länderkunde und Englisch. In Mexiko wird es nämlich ziemlich geschätzt wenn man mal im englischsprachigen Ausland war
Die beiden haben zwar echt den Schalk im Nacken und bauen manchmal Mist, aber haben gleichzeitig einen unglaublichen Sinn für Soziales. Vorgestern wollte ich die Matraca-Mitarbeiter auf einen der Hausbesuche mitbegleiten. Die Hausbesuche werden ausschließlich morgens gemacht, weil gen nachmittag sich in den Barrios schon die ersten Banden zusammenfinden und dann könnte es gefährlich werden. Sie meinten, es wäre gut für mich, die Lebensverhältnisse mal selbst zu sehen, um die Situation der Kinder besser nachvollziehen zu können. Ich also hin. Im Matraca habe ich Stefanie, eine Deutsche die aber seit längerem in Mexiko wohnt, getroffen (hatte sie schonmal kennengelernt) und zusammen mit Oli, eine der Mitarbeiterinnen haben wir 1 1/2 Stunden auf Carla gewartet. Als wir dann komplett und bereit waren loszuziehen, wurden die Pläne komplett umgeschmissen: Eine Reporterin von irgendeiner Zeitung wollte mit ihrem Begleiter bei dieser Tour dabei sein. Der Chef vom Matraca hat das ganze meiner Meinung nach total überernst genommen, denn die Reporterin musste nur sagen "Ich will die schlimmsten Armenverhältnisse, die Xalapa zu bieten hat" und schon wurde alles umgeworfen. Und dabei war schon lange geplant, in dieses eine Viertel zu fahren, unter anderem weil Stefanie sich von der Familie deren Kinder sie fast ein Jahr betreut hat verabschieden wollte, weil sie umzieht. Ok, Pläne umgeschmissen, los gings. Auf halbem Weg sagt Frau Sensationsreporterin dann: Ich würde gerne im Taxi fahren. Oli sagt: Aber wir fahren immer mit dem Bus dorthin. Reporterin: Ich will aber mit dem Taxi fahren. Ich zahle das auch. Oli: Aber wir sind 6 Leute. In das Taxi passen nur 4. Reporterin guckt Stefanie und mich an, wendet sich dann an Oli und sagt: Ja richtig, dann sind wir nur zu viert! Und Oli gibt Stefanie und mir mit entschuldigendem Blick zu verstehen, dass wir von der feinen Frau Reporterin unerwünscht sind. Zum kotzen. Was für eine unfassbare Anmaßung. Sie hat schon am Anfang als Oli uns vorgestellt hat ihr falsches Lächeln aufgesetzt, "Mucho gusto" gesagt und das Lächeln gleich wieder verschwinden lassen. Oli und Carla zuliebe, die wegen dieser ganzen Sache schon genug Druck vom Chef bekommen haben, haben Stefanie und ich uns dann gefügt und sind abgezogen. War schon kurz davor zu sagen "Kein Problem, wir nehmen dann zu zweit ein anderes Taxi und fahren hinter euch her". Was für eine unfassbar unsympathische Erscheinung. Ich hab mich auch deshalb total geärgert, weil ich daher an diesem Tag nichts zustande bekommen habe und extra wegen der Hausbesuche-Aktion verschiedene Sachen habe ausfallen lassen. Nunja, dafür fahren wir am Montag dann mit. Ist mir eh lieber ohne diese Boulevard-Blamage. Gestern war ich dann wieder mit Jami und Héctor im Matraca. Jami hatte ein neues T-shirt und eine neue Hose. Ich habe sie gefragt, wo sie das denn her hätte und sie meinte "Hab ich einem Mädchen in der Schule abgezogen". Das andere Mädchen hat wohl ständig zu ihr gesagt "Ieeeeh, was hast du denn für Anziehsachen? Voll die hässlichen.." und Jami hat dann wohl gesagt "Jaa, und weißte warum? Weil ich bin arm und du nicht, genau deshalb hab ich solche Anziehsachen." und so ging das wohl immer weiter, bis sie ihr nach dem Sportunterricht die Sachen geklaut hat. Sie: Was soll ich machen, ich hab halt nichts zum Anziehen. Ich meinte nur dass sie in Zukunft bei solchen Sachen besser einfach garnicht hinhört und sie unbeeindruckt bleibt, aber ich konnte auch verstehen dass sie irgendwann ausgetickt ist.
Das find ich so gut an den beiden, die sagen einfach wie es bei ihnen ist.

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