Montag, 2. November 2009

El día de los muertos (Tag der Toten) - Der Tod hat viele Gesichter


In der Apotheke von Naolinco habe ich auf meine Medizin gewartet. Die andere Kundin mit ihrer Tochter wohl schon ein wenig länger....



im Vordergrund: Der Apotheker. im Hintergrund: sein lebender Assistent


Auf ein langes Leben - hoch die Tassen!



der Wohnzimmeraltar einer Familie in Naolinco



die Mini-Wini-Würstchenkette hat der Hund vom...


...Metzger. Heute im Angebot: Blutwurst



Marktschreier mit noch lauter schreiendem Esel


Farmer mit Hut


bunte Gräber mit vielen Kreuzen auf dem Hauptfriedhof in Naolinco


Zeiger richtung Vollmond


Familiengrab


NEIN, das sind KEINE Legohäuser


die Voladores bei ihrem letzten Flug


La Catrina


Parkidylle.


Adelige


Even Michael was there!


feine Kaffeegesellschaft


der vollste Vollmond aller Vollmonde. Aaaauuuuuuuuuuuuuuuuuuuu.


heidnischer Altar.


typische Ofrenda, sogar mit Gärtner!


Theaterkulisse im Park.



Ofrenda am Palacio del Gobierno 1


Ofrenda am Palacio del Gobierno 2


Ofrenda am Palacio del Gobierno 3


Schoko-Schädel statt Martinsbrezel.


La Catrina und ich bei der Totenfeier in der EEE (Escuela para Estudiantes Extranjeros)


Ofrenda in der EEE


Beatles-Konzert zu Halloween


El día de los Muertos ist eine Sache, auf die ich mich schon lange gefreut habe, sie hier miterleben zu dürfen. Mir gefällt dieser so ganz andere Umgang mit dem Thema "Tod". Da mischt sich alles aus den vorspanischen Kulturen mit dem katholischen Glauben und heidnischen Bräuchen.
In allen Häusern, Instituten und auch auf der Straße werden "Ofrendas" aufgebaut, das sind Altare, die bestimmten Verstorbenen gewidmet sind. Sie bestehen meist aus einer besonderen orangenen Blume (Flor de Cempasúchil), buntem Seidenpapier mit hineingeschnittenen Mustern (Papel picado), Kerzen, Totenkopffiguren, Fotos der Verstorbenen und unzähligen Gerichten, Früchten, Süßigkeiten und Dingen, die den Personen zu Lebzeiten gefielen. Damit die Toten den Weg zu ihrer Ofrenda finden, wird ein Weg aus den Blüten der Cempasúchil dorthin gestreut.
Eine immer wieder auftauchende Figur in diesen Tagen ist "La Catrina", eine Skelettfigur mit Kleidung einer Adeligen aus dem Mexiko des 19. Jahrhunderts. Sie wurde von dem Maler José Guadalupe Posada kreiert und ist mit der Zeit zu DER Persönlichkeit des Día de los Muertos geworden. Wir haben ganz viele als "la Catrina" verkleidete Frauen gesehen - genauso wie Pappmaché-Figuren oder Bilder. Aber auch "normale" Skelette und Teufel sind uns entgegen gekommen. Dem Tod wird ins Gesicht gelacht, er wird ein bisschen auf die Schippe genommen und viel stärker als ein Teil des Lebens verstanden.

Gestern sind wir nach Naolinco gefahren, eine Busstunde von Xalapa entfernt und Día-de-los-Muertos-Hochburg. Das war absolut abgefahren: nur ein ganz paar kleine Wölkchen waren am Himmel und dann war vollster Vollmond. In Naolinco war eine ganz besondere Stimmung. Ein bisschen ruhig und besinnlich aber gleichzeitig locker und munter. Unzählige Stände mit ganz typischen Süßigkeiten haben irgendwie eine Mischung aus Kirmes und Weihnachtsmarkt-Atmosphäre geschaffen. Und es war richtig richtig kalt. Ich habe mir die ganze Zeit Handschuhe, Schal und Mütze herbeigesehnt. Aber diese Temperaturen zusammen mit einem leichten Nebel und Vollmond waren einfach genau das Richtige in diesem Moment. Viele Häuser von Familien hatten ihre Türen geöffnet, sodass man direkt die Ofrenda sehen konnte. Überall gab es Punsch und Atole (eine Art heiße Schokolade) zu trinken, um sich ein wenig aufwärmen zu können. Die beiden typischsten Gerichte für den Tag der Toten sind Tamales (gefüllter Maisteig in Bananenblätter gewickelt und dann gedämpft) und "Pan de Muerto" (Totenbrot), das aus Knochenmehl gebacken wird. Nein natürlich nicht, makaberer Scherz am Rande ;). Das ist ein süßes Hefegebäck mit Gewürzen.
Überall in Naolinco waren Skelettfiguren aus Pappmaché ausgestellt (an die Wiedenbrücker: DAS sind mal RICHTIGE Alltagsmenschen :)) : eine Kaffeegesellschaft im Café, eine Mutter auf einer Parkbank und davor ein Kind auf einem Dreirad, Michael Jackson, zwei Ballspielende Kinder, ein Metzgermeister, und und und und. Sogar die Voladores aus El Tajín waren nachgebildet (siehe vorletzter Blogeintrag) und natürlich durften unzählige "la Catrina"-Figuren nicht fehlen.
Dann haben wir den obligatorischen Gang zum Friedhof getan. Und das- ich muss es nochmal wiederholen- bei Vollmond, ich bin immer noch hin und weg von diesem genialen Zufall. Der Friedhof war alles andere als einheitlich. Das, was die meisten Gräber gemeinsam hatten, war ein kleines Häuschen, in das man theoretisch hätte hineingehen können. Die Häuser waren mal schlicht weiß, mal ganz bunt, mal im gothischen, mal im antiken Stil. Bei einem Häuschen musste ich sehr schmunzeln, da sahen die Fliesen nach richtig typischen deutsche-Küche-Fliesen aus. Wenn eine Familie diesen Grabplatz (für die Ewigkeit) kauft, wird genau geplant, wieviele Tote dort in Zukunft Platz finden. Es wird wohl übereinander begraben, der Erste Tote des Grabes hat dann logischerweise den tiefsten Platz in der Erde. Dann werden die Fliesen im Häuschen herausgenommen und wieder kommt ein Leichnam hinzu. Überall verteilt auf dem Friedhof, an verschiedenen Gräbern, standen Personengruppen und haben ein bestimmtes Lied gesungen, bei dem einer vorgesungen und alle anderen nachgesungen haben.
Wieder im Ort, sind wir in eines der Privathäuser reingegangen, das wirklich eine riesíge und beeindruckende Ofrenda hatte, die das halbe Wohnzimmer eingenommen hat. Die Hausbesitzerin meinte, sie hätten 3 Tage daran gesessen. In einem anderen Haus war tatsächlich vor kurzem jemand gestorben und der Sarg stand im Wohnzimmer aufgebart. Vor dem Haus waren ganz viele Stühle aufgestellt, auf die sich viele Leute gesetzt haben, um dann etwas richtung Sarg zu beten. Ich glaube die beste Jahreszeit in Mexiko zu sterben, ist um den Día de los Muertos herum. Dann sind wir noch an einem Marktplatz vorbeigekommen, an dem die Marktstände allesamt von Skeletten, die ihre Früchte angepriesen haben, betrieben wurden. Das hatte schon alles etwas gruseliges und mich hat erstaunt, wie ruhig die ganzen Kinder der Besucher geblieben sind.
Auf dem Rückweg sind wir noch an einer sehr traditionellen Apotheke mit Holzregalen und vielen kleinen Glasfläschchen vorbeigekommen, wo ein Apotheker-Skelett auf seine Kunden wartete. Sehr originell.

Heute waren wir in Xalapa und sind noch einmal an einem Friedhof vorbeigekommen, auf dem unzählige Leute waren um ein Wiedersehen mit ihren gestorbenen Liebsten zu haben.

In der letzten Woche hat das alles schon mit verschiedenen Tag-der-Toten-Feiern in der Fakultät begonnen. Am Mittwoch haben die Anthropologen eine Gedenkfeier gemacht und am Donnerstag die Historiker, zu denen wir jeweils hingegangen sind. Am Donnerstag war außerdem in der Escuela para Estudiantes Extranjeros (ausländische-Studierende-Schule) eine Feier und am Freitag nochmal in der Fakultät von den Pädagogen organisiert, wo wir aber nicht waren. Dafür aber in einem Park hier in der Nähe, in dem verschiedene 15-minütige Theaterstücke die alle etwas mit dem Tod zu tun hatten aufgeführt wurden. Unter freiem Himmel und mit schönen Kulissen, das hatte schon was.
Einzig der Samstag war recht Toten-frei, obwohl ja Halloween war: Da sind Birga und ich ins Theater gegangen, aufs Konzert einer Beatles-Coverband. War ganz gut, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass noch mehr Stimmung aufkommt. Das lag aber auch mit daran, dass das Theater leider natürlich nur Sitzplätze hatte. Nächstes Mal bitte in einem anderen Saal, Jungs! Aber sie haben Octopuss` Garden und viele Stücke aus "Across the Universe" gespielt, das hat alles gut gemacht ;)
Und morgen früh um 6 hat mich der Uni-Alltag wieder. Goodbye, schöne Zeit der Totenfeierei.

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