Und merken schnell, dass er richtig Ahnung hat, denn Eusebio selbst stammt vom Volk der Totonaken ab und ist rund um die antiken Pyramiden aufgewachsen. Er heißt uns sehr höflich auf totonakisch willkommen und spricht uns immer mit "Jovenes" an "Jovenes, les voy a decir lo siguiente" ("Jugendliche: ich werde euch das folgende sagen") Und dann erzählt er von den einzelnen Bedeutungen der Zahlen und Ziffern, Zeichnungen und Namen.
Menschenopferritual der Totonaken in Bildern
"Totonaco" bedeutet "trés Corazones", also "drei Herzen" (toto= trés, naku= corazón). Die größte Pyramide (Pyramide de los Nichos) hat 365 Nischen, die für ein Jahr der Totonaken stehen. Auf verschiedenen Höhen sind immer wieder Altare zu finden, auf denen geopfert wurde was das Zeug hält.
Die Pyramiden sind genauso zwiebelmäßig aufgebaut wie diese russischen Holzpuppen: im tiefsten innern ist eine ganz kleine, darüber eine etwas größere, dann wieder eine etwas größere. Alle 52 Jahre ist eine neue Pyramide über die bisherige gebaut worden. Die Zahl 52 hatte einerseits eine große Bedeutung, wegen der Anzahl der Wochen im Jahr und andererseits, weil man glaubte, dass nach 52 Jahren die Sonne nicht mehr aufgehen würde. Daher wurden in der ganzen Stadt die Lichter gelöscht und mit besonderen Ritualen mehr Menschenopfer denn je dargebracht, um die Sonne davon zu überzeugen, weitere 52 Jahre lang aufzugehen. Eusebio erklärt uns, dass die Totonaken auch für ein Ballspiel bekannt waren, bei dem entweder einer gegen einen, zwei gegen zwei oder drei gegen drei mit einem Ball aus Kautschuk spielten. Spielfeld war die Rasenfläche zwischen zwei Tribünen und einer großen Pyramide, von wo aus der Pushko, der größte Häuptling, das Spiel beobachtete.
Zwischen den beiden Tribünen spielten die Totonaken mit Kautschukbällen. Mit einem Tor war das Spiel gewonnen und der Sieger durfte sich opfern lassen.
Ein Tor zu erzielen war unfassbar schwierig, weil das Tor gerade mal ein bisschen größer war als der Ball und man den Ball nur mit der Hüfte oder den Armen berühren durfte. Daher konnte ein Spiel monatelang andauern. Der Gewinner wurde dann geopfert. War wohl eine große Ehre, als Verbindungsperson zu einem der vielen Götter aus dem Leben zu treten. Sowieso war der Tod das größte Ziel und in welchen der verschiedenen Himmel man dann kam, richtete sich danach, auf welche Weise man starb. Besonders ehrenhaft war der Tod als Krieger oder Menschenopfer. Dann erklärt Eusebio uns, wie man in El Tajín zu seinem Vornamen kam: Das richtete sich nämlich nach dem Tag, an dem man geboren wurde. Ich habe meinen Namen direkt mal erfragt: Jemand der am 30. Juni geboren wurde, hieß dann "Frijol 10", also "Bohne Nummer 10". Nicht schlecht was? Nennt mich von nun an bitte Lisa Gonzalez Apocalypse Navigation Bohne Nummer 10 Mayacoata ;). Eigentlich ist der Monat Juni der Maismonat, aber weil die Monate nur 20 Tage hatten, fällt der 30. Juni schon in den totonakischen Juli und Juli ist der Bohnenmonat. Und wie wurde das Problem gelöst, wenn mehrere Kinder am selben Tag geboren wurden? Ganz einfach..direkt um das eigene Haus herum wurde eine Bahn aus feuchter Erde oder Lehm geschüttet und das erste Tier, das dort einen Abdruck hinterließ vervollständigte dann den Vornamen. Also z.B.: "Bohne Nummer 10 Jaguar". Gut so, solange es nicht "Bohne Nummer 10 Kakerlake" oder "Bohne Nummer 10 Ameise" oder so etwas ist. ;) Eusebio verabschiedet sich auf totonakisch, spanisch und englisch und wir gehen noch ein bisschen auf eigene Faust durch El Tajín, das übrigens bis zum Jahr 1200 existierte.
Zwischendurch kommen Totonakenfrauen aus dem nahen Dorf und wir kaufen ihnen echte Vanilleschoten und Orangen mit Chillipulver ab. Als wir wieder am Ausgang ankommen, sehen wir zum Glück doch noch eine Vorstellung der Voladores: 5 Männer in bunten, traditionellen Trachten sind an einem 30 Meter hohen Pfahl hochgeklettert. Sie werden doch nicht..? Doch, sie werden fliegen, denn Volador bedeutet Flieger. Während vier von ihnen sich ein Seil umschnüren, tanzt der fünfte dort hoch oben in der Mitte des Pfahles zu den Tönen seiner Flöte.
Die Voladores bereiten sich auf ihren "Flug" vor.
Plötzlich lassen sich die vier anderen von dem quadratischen Gestell aus nach hinten fallen und drehen sich immer wieder um den Pfahl herum, sodass das Seil an dem sie hängen nach und nach länger wird. Das machen sie solange, bis sie am Boden angekommen sind. Auch das ist ein totonakisches Ritual, um sowohl Regen als auch Sonne anzuziehen.
Ziemlich beeindruckt von diesem Ort fahren wir wieder zurück nach Papantla.
Teil 2
Am nächsten Mittag nehmen wir den Bus von Papantla nach Tecolutla. Hier wohnt nämlich Papa Tortuga, den wir unbedingt kennenlernen wollen. Als wir aus dem Bus aussteigen, werden wir von geschätzten 7 Einheimischen belagert, die uns entweder in ein Hotel oder ein Restaurant bringen wollen. Juan Antonio ist derjenige, der am wenigsten aufdringlich ist und uns zuschwallt und deshalb gehen wir mit ihm mit. Er bringt uns zu einer Bungalowanlage direkt am Strand. Zu fünft teilen wir uns einen Bungalow. Dann nimmt er uns mit zum Ufer des "Rio Tecolutla", der in hier in Tecolutla in den Golf mündet. Dort nehmen wir eine Lancha (längliches Boot), um eine kleine Rundfahrt zu machen. Auf der Überfahrt zum anderen, etwas weiter entfernten Ufer (schließlich ist der Fluß hier schon sehr breit durch die Flußmündung), zeigen Oscar der Bootsführer und Juan Antonio uns verschiedene Tiere. Wir sehen ganz viele verschiedene Wasservögel, darunter auch Pelikane. Auf einmal hält eine andere Lancha neben uns: Auch wir halten an. Wir haben keine Ahnung was uns da erwartet und plötzlich bekommen wir ein Baby-krokodil entgegengestreckt. Irgendwann überwinde ich mich und nehme es auf die Schulter, wobei mir doch etwas mulmig zumute ist, als es heftig zu zappeln anfängt. Es fühlt sich total weich an und man kann richtig die Rippen und den Herzschlag fühlen.
Nach dem kleinen Krokodilabenteuer biegen wir in einen Seitenarm des Flusses ab, der mir wie eine Höhle vorkommt, so zugewachsen ist er. Es ist ein Mangrovenwald und rechts und links von uns erheben sich die sehr starken und interessant geformten Mangrovenwurzeln aus dem Wasser. Auf den einzelnen Wurzeln sitzen viele knallrote Krebse.
Und dann gibt es einen Wolkenbruch. wir drehen um und wieder auf dem offenen Fluss hilft auch die Dachplane der Lancha nichts- wir werden plitschenass. Als wir wieder an Land gehen, sind die Straßen knöcheltief überschwemmt, sodass nur barfuß gehen Sinn macht.
Dann essen wir in einer Bar zu Mittag. Ganz typisch Enchiladas (Eingerollte Tortillas mit Hähnchen gefüllt) und zum Nachtisch gebratene Bananen. Wieder am Bungalow angekommen regnet es immer noch in Strömen. Eigentlich sollte das ein sonniger Strandtag werden, ich finde es aber garnicht schlimm dass es so doll regnet. Das Meer ist richtig aufgewühlt und am Strand keine Menschenseele. Birga, Robert und ich gehen ins Meer, das viel wärmer ist als die Lufttemperatur.
Es regnet so stark, dass es im Gesicht wehtut. Wir schmeißen uns in die Wellen aber sehen zu, dass wir richtig nah am Strand bleiben, weil selbst hier schon das Wasser einen ziemlichen Sog hat. Dann gehen wir auf die Suche nach der Schildkrötenfarm und Papá Tortuga. Wir finden tatsächlich das Haus und die Bottiche mit den Schildkröten darin, aber es ist schon geschlossen. Am Zaun ist ein Schild, auf dem steht, dass jeden Morgen von 7.30 bis 9 Uhr geöffnet ist. Wir gehen wieder zurück zum Bungalow und machen uns einen ruhigen Abend mit dem in El Tajín gekauften Vanillelikör. Am nächsten Morgen stehen wir um 7 Uhr auf und stehen um kurz nach halb 8 bei Papa Tortuga auf der Matte.
Fernando Manzano hat das Projekt vor 35 begonnen, um verschiedene Arten von Meeresschildkröten zu schützen. Vor 3 Jahren wurde ein 20 minütiger Dokufilm über ihn und sein Projekt gedreht, der auf verschiedenen Filmfestivals Preise gewonnen hat. Und weil ich zufällig den Trailer bei Youtube gesehen habe, wollte ich unbedingt Papa Tortuga und sein Projekt in Tecolutla kennenlernen. Es ist schon ein bisschen aufregend, den echten Papá Tortuga live zu sehen. Bevor ihr weiterlest: Bitte guckt euch auf jeden Fall den Trailer auf Youtube an, allein der hat mich schon ziemlich beeindruckt.
http://www.youtube.com/watch?v=1FOdQdHZ9EE
oder bei Youtube einfach "Papa Tortuga" eingeben. Edgar, einer der Volontäre des Projekts, erklärt einer Gruppe von mexikanischen Touristen bereits das Projekt. Wir stellen uns einfach dazu und erfahren alles über die Schildkröten und die Arbeit der "Grupo Ecologista Vida Milenaria".
- auf der ganzen Welt ist Mexiko das Land mit den meisten Reptilienarten, ein bedeutender Teil davon sind Schildkröten
- sieben von acht verschiedenen Meeresschildkrötenarten gibt es in Mexiko
- sie alle sind vom Aussterben bedroht, besonders die Schildkrötenart "Lora"
- pro Jahr entlassen die Mitarbeiter des Projekts, sowie Touristen und Schulklassen mehr als 70.000 kleine Schildkröten ins Meer
- nach ca. 40- 45 Tagen schlüpfen die Eier eines Schildkrötennests.
Sogar eine Albinoschildkröte bekommen wir zu Gesicht. Die kommen wahrscheinlich so häufig vor wie ein richtiger englischer Satz aus Guido Westerwelles Mund.
Alle Besucher versammeln sich um einen Karton, in dem es ziemlich wuselt: Ca. 40 kleine Schildegards sind darin- und kaum zu glauben: sie sind erst vier Stunden alt. Wir dürfen jeder eine auf die Hand nehmen und sind alle erstaunt, welch eine enorme Kraft bereits in ihren Vorderflossen steckt. Eine ausgewachsene dieser Schildkröten wiegt später einmal bis zu 250 Kilogramm.
Wir kaufen alle ein Schildkrötensouvenir, um finanziell etwas zum Projekt beizutragen. Liebend gern würden wir eine Schildkröte freilassen, das ist sozusagen das große Erlebnis was man dort haben kann, aber an diesem Tag ist das Meer viel zu aufgewühlt, die Babytortugas würden direkt wieder an Land gespült und von den Hunden mitgenommen werden. Das ist ziemlich schade, weil wir uns schon sehr darauf gefreut hatten, aber dann geschieht etwas, was alles wieder gut macht: Wir kommen mit Papa Tortuga ins Gespräch und dann lädt er uns auf einen Kaffee in sein Haus ein. Gute zwei Stunden sitzen wir bei einer wärmenden Tasse Kaffee um den Tisch herum und hören ihm zu, wie er das Projekt entwickelt hat. Hinter uns steht ein weiterer Karton, in dem es verdächtig nach kleinen Schildis raschelt. In seiner Kindheit wurden bei ihm zu Hause Schildkrötenfleisch und Schildkröteneier gegessen. Irgendwann sah er dann einen Dokumentarfilm über ein Schildkrötenprojekt auf den Philippinen und zufällig am selben Tag entdeckte er ein Schildkrötennest. Er nimmt es mit nach Hause und sein Bruder will sich schon über die Eier hermachen, aber er sagt dass er gucken möchte ob sie schlüpfen. Und tatsächlich: sie schlüpfen. Nach und nach beginnt er, sich für die Meeresschildkröten einzusetzen. Wir sind alle total gerührt, als er sagt "Das ist mein Teil, den ich für den Planeten Erde beitrage - meine Lebensaufgabe" und er wischt sich eine Träne weg. Man merkt, wieviel Herzblut in der Sache steckt. Am Anfang war es für ihn wohl unfassbar schwer, sein Umfeld von seinem Vorhaben zu überzeugen, aber nach und nach bekam er mehr Vertrauen entgegen gebracht. Das Projekt lebt von Spenden und Touristen, die mexikanische Regierung unterstützt es nicht, aber die Projektleute wollen auch keine Unterstützung der Regierung. Denn dann würden die Biologen und die Bürokratie und die Vorschriften kommen. Er beschwert sich ziemlich über die korrupte mexikanische Regierung und erzählt einen Witz: Mexiko ist das zweitkorrupteste Land der Welt. Warum? - Die Regierung hat die Statistiker dafür bezahlt, dass es nur an zweiter Stelle erscheint ;) . Am Anfang hat er sich oft mit den Fischern angelegt, die die Schildkröten und Schildkröteneier eingesammelt haben. Dann haben sie angefangen, miteinander zu sprechen und schließlich wurden sie im Projekt eingestellt und machen heute sozusagen das Gegenteil als noch vor 30 Jahren. Er erzählt uns, dass er nie in die Schule gegangen ist, aber hat ein unfassbares Allgemeinwissen. Wir unterhalten uns mit ihm über verschiedene geschichtliche Ereignisse und darüber, dass Deutschland sehr wenig Nationalstolz hat. Zum Abschluss machen wir noch ein gemeinsames Foto mit ihm.
Er bietet uns an, als Freiwilligendienstler im Projekt mitzuarbeiten. Dann verabschieden wir uns. Zwar haben wir keine Schildkröte ins Meer gesetzt, aber die Kaffeerunde mit Fernando Manzano hat alles wieder rausgerissen. Nach diesem wunderbaren Ereignis gehen wir frühstücken. Auf dem Rückweg zum Bungalow werden wir ziemlich nass. FÜr den Rückweg nach Xalapa bekommen wir keinen ADO-Bus mehr, das heißt einen von den Schnellen, die sind alle belegt. Also nehmen wir einen AU-Bus, die um einiges langsamer sind. Nach einer Fahrt, die mir wie ewig vorkommt kommen wir wieder einmal ziemlich durchgefroren von der Klimaanlage des Busses in Xalapa an. Als wir diesmal aussteigen, schlägt uns die Kälte ins Gesicht: Scheinbar hat es einen enormen Temperaturabschwung gegeben. Zuhause angekommen, frieren Birga und ich immer noch ganzschön. Vor der Küste von Veracruz ist wohl ein Hurricane unterwegs, der die kalte Luft hier herüberwirbelt. Hoffentlich wird es schnell wieder wärmer. Keine Heizung, keine Isolierung, kein garnichts. Aber DIESES Wochenende werden wir so schnell nicht vergessen.
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