Naolinco kommt aus dem Nahuatl und heißt Nahui (=vier) ollin (=Bewegung) co (=Ort), was entweder bedeutet: "Die vier Jahreszeiten" oder "Ort der vielen Bewegungen" oder "Der Sonne gewidmeter Ort". Ich wäre für das erste und das zweite, denn eher haben wir in Naolinco die vier Jahreszeiten an einem Tag erlebt, als dass sich der Ort viel der Sonne gewidmet hätte. Und viele Bewegungen haben wir auch gesehen, und wie...Aber fangen wir von vorne an. 32 Kilometer fährt man von Xalapa mit einem klapprigen Bus die Serpentinen entlang durch dichten Nebel. Links geht die Wand so steil hoch wie rechts runter, also lieber nach geradeaus schauen oder auf das Blatt, auf dem man gerade Namen von deutschen Bands aufschreibt, um den Mexikanern zu zeigen, dass deutsche Musik mehr zu bieten hat als Rammstein oder Tokyo Hotel. Das sind nämlich hier die allerbekanntesten deutschen Bands und wenn ein Mexikaner nach deutschen Bands fragt dann greife ich gerne zu Zettel und Stift. Nachdem ein paar Leute abgesagt haben, sind wir zu viert zu unserem kleinen Ausflug aufgebrochen: Diego, Ramiro, Birga und ich. In Naolinco angekommen, hatten wir direkt das Glück, ein Spektakel mitzuerleben, das sich nur einmal im Jahr ereignet (und da hat der Name "Ort der vielen Bewegungen" dem Dorf alle Ehre gemacht) : "Danza de Santiago" Das sind Straßenkämpfe-tänze mit vorspanischer Tradition, bei denen verschiedene geschichtliche Episoden verschiedener Länder widergespiegelt werden. Bei den danzas verkleiden sich fast alle Jugendlichen des Dorfes (eher die Jungs, weil es gibt Kloppe) als irgendeine Figur, von pikfeiner Dame über Römer oder Ritter bishin zu Jack Sparrow. Allerdings gibt es ganz fest eingeteilte Gruppen, z.B. die "Negros" (die Schwarzen) oder die "Infieles" (die Untreuen) oder die "Moros" (die Mauren) oder "El caballito de los Caínes" (Das Pferdchen der Barbaren). Und dann gibts richtig Dresche. Alle haben nämlich ca. 4 cm dicke, mit Fratzen bemalte Holzmasken auf und kriegen jeweils von den anderen mit Stöcken Schläge ins Gesicht, also auf die Maske (die auch nicht direkt auf dem Gesicht aufliegt). Die, die einen Schlag auf die Maske bekommen haben, müssen ihre Gegner am Bein treffen. Das gibt dann jeweils Punkte. Richtig Punkte gibt es, wenn eine Holzmaske durch den Aufschlag zerbricht. Dann macht derjenige natürlich nicht mehr weiter mit. Komischerweise scheint es da recht selten zu schlimmeren Verletzungen zu kommen. Müssen ja ziemlich gute Holzmasken sein. Über den ganzen Tag verteilt treffen die Teilnehmer in bestimmten Gassen aufeinaner und holen zu folklorischer Musik dann die Knüppel heraus. Drumherum stehen dann immer ganz viele Dorfbewohner und feuern die Verrückten an.
Habe das ganze mal ein wenig gefilmt: http://www.youtube.com/watch?v=ARVTYbpkVR8
Nachdem wir genug gesehen hatten, gings weiter nach Acatlan, Naolincos Nachbardorf. Und Birga und ich erfahren so ganz nebenbei vom letzten Dorfmord und neuesten Tratsch. Die Sekretärin und gleichzeitig Geliebte des katholischen Pfarrers hatte einen anderen Geliebten. Das hat er herausgefunden und sie dann in der Sakristei geköpft. Und der gute Mann ist nicht ins Gefängnis gekommen, sondern wurde einfach in ein anderes Dorf versetzt und predigt jetzt dort weiter "Du sollst nicht töten" "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und so weiter. Ja mit der Justiz hier ist das so eine Sache. Manche kriegen 3 Jahre Hochsicherheitstrakt, weil sie gestohlen haben und andere kommen mit einer Versetzung davon, obwohl sie geköpft haben. Die Tageszeitungen hier sind übrigens knallhart: Wenn jemand ein schlimmeres Verbrechen begangen hat, kommt er mit Foto, Name, Adresse und Telefonnummer in die Zeitung. Das gleiche passiert aber auch, wenn jemand durch einen Autounfall gestorben ist. Letztens zum Beispiel ist hier in Xalapa eine Brücke eingebrochen, weil sie die Last eines LKWs nicht tragen konnte. Der Fahrer ist gestorben und auch in diesem Fall standen all seine Daten in der Zeitung. Ich möchte nicht wissen, was diese Vorgehensweisen schon für Auswirkungen auf die jeweiligen Angehörigen gehabt haben.
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